Tödliches Problem: Mangelernährung im Alter

Ein tabuisiertes Problem in der Pflege alter Menschen

Bonn, 04.05.05 Fehl- und Mangelernährung sind zu einer der häufigsten und am wenigsten beachteten Krankheiten im Alter geworden. Nach Schätzung des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) leiden in Deutschland 1,6 Millionen der über 60-Jährigen unter chronischer Mangelernährung. Davon leben 1,3 Millionen zu Hause und 330.000 in Altenpflegeheimen. Im Rahmen der in Bonn von Deutscher Seniorenliga e.V. (DSL) und Pfrimmer Nutricia gestarteten bundesweiten Initiative werden Angehörige, Betreuende und Pflegekräfte nachdrücklich dazu aufgefordert, Hinweise auf Mangel- und Unterernährung ernst zu nehmen und notwendige Maßnahmen zur Verbesserung des Ernährungszustandes zu ergreifen. Die DSL hat hierzu die Broschüre „Mangelernährung im Alter“ mit umfassenden Informationen sowie einem Fragebogen zur Erhebung des individuellen Ernährungsstatus herausgegeben.

Vielfältige Ursachen
Mangelernährung im höheren Lebensalter tritt nicht unvermittelt auf. Vielmehr handelt es sich meist um eine Verkettung mehrerer Ursachen, die dazu führen, dass Senioren über Monate oder sogar Jahre an Gewicht verlieren. Bedingt durch eine eingeschränkte körperliche Aktivität sowie einen verlangsamten Stoffwechsel besitzen ältere Menschen geringeren Appetit. Ein vermindertes Geschmacksempfinden sorgt dafür, dass viele Senioren überwiegend „süß“ essen, weil sie dies besser wahrnehmen. Durch Probleme beim Kauen mit „dritten Zähnen“ oder infolge von Schluckbeschwerden manifestieren sich schnell einseitige Ernährungsgewohnheiten, wodurch Mangelerscheinungen vorprogrammiert sind. Hinzu kommen psychosoziale Faktoren wie belastende Lebensereignisse oder ein fehlendes soziales Umfeld, die die Motivation zum Essen nehmen. Auch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten kann einen Appetitmangel oder Übelkeit verursachen. Schließlich können eine im Alter veränderte Verdauungsfunktion oder chronische Erkrankungen Ursache für die Mangelernährung sein.

Dramatische Folgen
Die Folgen der Mangelernährung gleichen einem Teufelskreis: Neben allgemeiner Schwäche, erhöhtem Sturz- und Frakturrisiko ist die Infektionsanfälligkeit erhöht. Ein schlechter Allgemeinzustand führt unter anderem zu Immobilität, Infektanfälligkeit, und Verwirrtheit. Dies wiederum hat erhöhte Komplikationsraten bei bestehenden Erkrankungen, eine verschlechterte Medikamenten- und Therapieverträglichkeit, längere Verweilzeiten im Krankenhaus und eine erhöhte Pflegebedürftigkeit zur Folge. Schlimmstenfalls kommt es bei chronischer Mangelernährung zum früheren Versterben der Betroffenen.

Als Alterserscheinung verkannt – Screening notwendig
„Viele ältere Menschen essen zu wenig und sind untergewichtig oder krankhaft mangelernährt“, erläutert Erhard Hackler, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Seniorenliga. „Im Alter ist Mangelernährung ein schleichender Prozess, der häufig gar nicht oder zu spät wahrgenommen wird“. Wird er erkannt, dann werden häufig nicht die adäquaten therapeutischen Konsequenzen gezogen. Körperliche Begleitphänomene, die auf eine Mangelernährung hindeuten können wie Schwäche, Kopfschmerzen, Apathie und Demenz werden von vielen Ärzten als so genannte Alterserscheinungen verkannt. Zudem wird die Ernährung in Alten- und Pflegeheimen häufig nicht genau dokumentiert, obwohl Ernährungsfragen zur Ausbildung der Altenpflege gehören. „Die Einschätzung des Ernährungszustandes zum Beispiel mit der Nutri-Risk-Analyse sollte daher wie andere Früherkennungsmaßnahmen, zur routinemäßigen ambulanten oder stationären medizinischen Betreuung älterer Patienten gehören“, so Hackler. Für ein solches Screening stehen standardisierte Fragebögen und andere geeignete Anamnesemethoden zur Verfügung. Sind die Ausprägung des Mangelzustandes und dessen Ursachen abgeklärt, so kann mit einer Ernährungstherapie begonnen werden. Hierzu zählt die esstechnische Ernährungsumstellung in Form von „Fingerfood“ für Senioren ebenso wie eine konsistenztechnische Anpassung der Speisen durch Andicken von Flüssigkeiten. Reicht all dies nicht aus, sollte eine Ergänzung mit bilanzierter Trink- und Zusatznahrung erfolgen.

Weitere Informationen zum Thema Fehl- und Mangelernährung im Alter mit einem Fragebogen zur Erhebung des Ernährungsstatus bietet die kostenlose Broschüre „Mangelernährung im Alter – Alarmsignale und Maßnahmen“. Sie kann postalisch angefordert werden bei der DSL e.V., Gotenstraße 164, 53175 Bonn oder online unter www.dsl-mangelernaehrung.de Dort steht sie ebenfalls als Download zur Verfügung.

Leitlinien, Berichte, Übersichtsartikel und Sonderdrucke zum Thema Mangelernährung im Alter:

1. Leitlinie Enterale Ernährung der DGEM und DGG: Enterale Ernährung (Trink- und Sondennahrung) in der Geriatrie und geriatrisch-neurologischen Rehabilitation, Aktuel Ernaehr Med (29) 2004: 198-225, Georg Thieme Verlag KG Stuttgart, http://www.dgem.de/

2. Qualität in der ambulanten und stationären Pflege, 1. Bericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) nach § 118 Abs. 4 SGB XI, November 2004 (Zusammenfassung), http://www.mds-ev.org/aktuelles/download/Bericht-118-XI_QS-Pflege.pdf

3. Therapie der Mangelernährung im Alter, R. Wirth, Geriatrie Journal 2 (2005): 14-18, gerikomm Media

4. Leitlinie Enterale Ernährung – Trink- und Sondennahrung, D. Volkert, R. Lenzen-Großimlinghaus, U. Krys u.a., Geriatrie Journal 2 (2005): 19-23, gerikomm Media 5. Pathophysiologie und Diagnostik der Malnutrition im Alter, J. Bauer, C. Sieber, Geriatrie Journal 1 (2005): 12-18, gerikomm Media 6. Mangelernährung vorbeugen, erkennen und begegnen, B. Bücking, Pflegen ambulant 2 (2004) Jg. 15: 17-20 7. Ursachen und Folgen von Mangelernährung, Diagnostik der Mangelernährung und Möglichkeiten zur Verbesserung der Ernährungssituation, H. Heseker, A. Schmid, Sonderdruck aus: Ernährungs Umschau Jg. 49 (2002) Heft 5, Ernährungslehre und –praxis: S. B17-B20 und Heft 6, Ernährungslehre und –praxis: S. B21-B24, Umschau Zeitschriftenverlag Breidenstein GmbH