Mangel- und Fehlernährung im Alter:

Ein tabuisiertes Problem in der Pflege alter Menschen

Bonn 04.05.05 Die Deutsche Seniorenliga warnt vor den gravierenden Folgen einer Mangelernährung bei älteren Menschen: Laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin wurden bei Qualitätsüberprüfungen stationärer Pflegeeinrichtungen und ambulanter Pflegedienste durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) deutliche Mängel in der Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen festgestellt. Die Bilanz ist erschreckend: 41 Prozent der untersuchten Patienten in stationären Einrichtungen und 37 Prozent der untersuchten Patienten, die von ambulanten Pflegediensten betreut werden, bekommen nicht genug oder Ungeeignetes zu essen und zu trinken.

Vielfältige Ursachen
Die Ursachen der Mangelernährung sind komplex. Hierzu zählen altersbedingte Erscheinungen wie verändertes Geschmacks- und Geruchsempfinden, Kau- oder Schluck-beschwerden sowie eine schlechtere Verdauung. Bedingt durch die geringere körperliche Aktivität sowie einen verlangsamten Stoffwechsel besitzen ältere Menschen einen reduzierten Kalorienbedarf. Ihr Nährstoffbedarf bleibt jedoch unverändert. Im Gegenteil: Sind ältere Menschen krank oder wurden operiert, führt dies zu einer Steigerung ihres Grundumsatzes und sie haben einen erhöhten Energiebedarf. Häufig ist die Appetitlosigkeit älterer Patienten auch eine Nebenwirkung ihrer Medikamente oder deren zu hoher Dosierung. Bei vielen geriatrischen Patienten erschweren zusätzlich geistige und psychische Erkrankungen die Nahrungsaufnahme. Aber auch einschneidende Lebensereignisse sowie soziale Vereinsamung können die Motivation zum Essen nehmen.

Mängel in der Pflege
Wird ein älterer Patient in ein Krankenhaus oder ein Heim aufgenommen, kommen weitere Faktoren hinzu, die eine Appetitlosigkeit fördern können: Hierzu zählen die veränderten Essenszeiten, das ungewohnte Nahrungsangebot, das zum Teil nicht an den Bedarf und die Ernährungsgewohnheiten der Senioren angepasst ist, sowie die fremde Geräusch- und Geruchskulisse. Die Folgen sind Unter- bzw. Mangelernährung, die häufig weder vom betreuenden Personal noch von den Ärzten wahrgenommen werden. Beide achten häufig nicht aufmerksam darauf, ob und was ihre Patienten essen. Oft halten sie die ersten Anzeichen einer Mangelernährung für „normale“ Alterserscheinungen, da sie nicht ausreichend geschult sind, oder es fehlt an personellen und finanziellen Ressourcen für eine wirksame Intervention.

Teufelskreis Mangelernährung mit fatalen Folgen
Mangelernährung kann je nach Ausmaß und Dauer den Gesundheitszustand und die Lebensqualität älterer Patienten massiv beeinträchtigen. Nährstoffmangel und Gewichtsverlust führen zu Erschöpfung und Antriebslosigkeit, die sich bis zu einer Apathie entwickeln können. Abnahme der Muskelkraft sowie Abbau der Knochenmasse erhöhen das Risiko für Stürze und Frakturen und schränken die Mobilität ein. Der zunehmende Muskelabbau betrifft jedoch nicht nur den Bewegungsapparat, sondern auch die inneren Organe wie Herz- und Lunge: Die Folgen können Herz-Rhythmus-Störungen und eine Verschlechterung der Atmung sein. Darüber hinaus wirkt sich die Mangelernährung auch negativ auf die Immunkompetenz aus. Bereits marginale Nährstoffdefizite erhöhen die Infektanfälligkeit. Außerdem führt eine Mangelernährung zu einer gestörten Wundheilung der Haut und somit zu einem erhöhten Dekubitusrisiko. Da mangelernährte ältere Menschen eine schlechtere Medikamentenverträglichkeit aufweisen, treten bei ihnen 2-4 fach häufiger Komplikationen auf. Hierdurch verzögert sich ihre Genesung und somit der Krankenhausaufenthalt. Ein schlechter Ernährungszustand im Alter erhöht jedoch nicht nur die Morbidität, sondern auch das Mortalitätsrisiko: Aktuellen Studien zu Folge ist bei unterernährten älteren Menschen mit einer doppelt so hohen Sterblichkeit zu rechnen als bei Senioren mit einem guten Ernährungszustand.

Aus diesem Grund hat die DSL gemeinsam mit Pfrimmer Nutricia die bundesweite Initiative „Mangelernährung im Alter“ gestartet. Ziel ist es, Angehörige, Ärzte und Pflegende für die ersten Anzeichen einer Mangelernährung zu sensibilisieren und ihnen ernährungsmedizinische Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen. Hierzu bietet die DSL die Informationsbroschüre „Mangelernährung im Alter – Alarmsignale und Maßnahmen“ mit einem Fragebogen zur Erhebung des individuellen Ernährungsstatus an. Die Broschüre ist kostenlos und kann schriftlich bei der Deutschen Seniorenliga e.V., Gotenstr. 164 in 53175 Bonn oder im Internet unter www.dsl-mangelernaehrung.de angefordert werden. Zusätzlich steht sie im Internet als Download zur Verfügung.