Mangelernährung im Alter
DSL fordert regelmäßiges Screening des Ernährungszustandes


Berlin 19.10.04 Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen Jahren neben der Adipositas in Deutschland ein zweites Problemfeld aufgetan: "Viele ältere Menschen essen zu wenig und sind untergewichtig oder krankhaft mangelernährt", erläutert Erhard Hackler, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Seniorenliga anlässlich der gemeinsamen Pressekonferenz der DSL und des Max Bürger Instituts für Altersforschung in Berlin. "In Dauerpflegeeinrichtungen konnte bei bis zu 50 Prozent der Patienten eine Protein-Energie-Mangelernährung diagnostiziert werden". Dies gilt jedoch nicht nur für Heimbewohner: Nach Schätzung des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) leiden in Deutschland 1,6 Millionen der 19,4 Millionen über 60-Jährigen unter chronischer Mangelernährung. Davon leben 1,3 Millionen zu Hause und 330.000 in Altenpflegeheimen.

Vielfältige Ursachen
Mangelernährung im höheren Lebensalter tritt nicht akut auf, vielmehr handelt es sich meist um eine Verkettung mehrerer Ursachen, die dazu führen, dass Senioren über Monate oder sogar Jahre an Gewicht verlieren. Bedingt durch die eingeschränkte körperliche Aktivität sowie einen verlangsamten Stoffwechsel besitzen ältere Menschen geringeren Appetit. Ein verändertes Geschmacksempfinden durch Abnahme der Geschmacksknospen sorgt dafür, dass viele Senioren überwiegend "süß" essen, weil sie diese Geschmacksrichtung besonders gut wahrnehmen können. Durch Probleme beim Kauen mit "dritten Zähnen" oder infolge von Schluckbeschwerden manifestieren sich schnell einseitige Ernährungsgewohn-heiten, wodurch Mangelerscheinungen vorprogrammiert sind. Hinzu kommen psychosoziale Faktoren, zum Beispiel durch belastende Lebensereignisse oder ein fehlendes soziales Umfeld, die die Motivation zum Essen nehmen. Nicht selten ist es nötig, dass Senioren Medikamente einnehmen, die Appetitmangel oder Übelkeit verursachen. Auch eine im Alter veränderte Verdauungsfunktion oder chronische Erkrankungen können Ursache für eine Mangelernährung sein.

Als Alterserscheinung verkannt - Screening notwendig
"Im Alter ist Mangelernährung ein schleichender Prozess, der häufig gar nicht oder zu spät wahrgenommen wird", erläutert Dr. Lothar Hirschmeier, Oberarzt der Geriatrischen Klinik Marienheim. "Wird er erkannt, dann werden häufig nicht die adäquaten therapeutischen Konsequenzen gezogen". Körperliche Begleitphänomene, die auf eine Mangelernährung hindeuten können wie Schwäche, Kopfschmerzen, Apathie und Demenz werden von vielen Ärzten als so genannte Alterserscheinungen verkannt. Hinzu kommt, dass die Ernährung in Alten- und Pflegeheimen häufig nicht genau dokumentiert wird, obwohl Ernährungsfragen zur Ausbildung der Altenpflege gehören. "Es ist jedoch wichtig, Risikopatienten frühzeitig identifizieren zu können, denn wenn sich die Mangelernährung erst manifestiert hat, ist es sehr schwer, den Prozess wieder umzukehren", so Hirschmeier. "Die Einschätzung des Ernährungszustandes sollte daher wie andere Früherkennungsmaßnahmen zur routinemäßigen ambulanten oder stationären medizinischen Betreuung älterer Patienten gehören". Für ein solches Screening stehen bereits standardisierte Fragebögen und andere geeignete Anamnesemethoden zur Verfügung.

Teufelskreis Mangelernährung
Die Folgen der Mangelernährung gleichen einem Teufelskreis: "Ein schlechter Allgemeinzustand, Schwäche, Apathie und Dehydration führen unter anderem zu Immobilität, Infektanfälligkeit, Verwirrtheit und Dekubitalgeschwüren", so Dr. Welz-Barth, Chefärztin der Rehaklinik der Kliniken St. Antonius. "Dies wiederum hat erhöhte Komplikationsraten bei bestehenden Erkrankungen, eine verschlechterte Medikamenten- und Therapie-verträglichkeit, längere Verweilzeiten im Krankenhaus und eine erhöhte Pflegebedürftigkeit zur Folge". Schlimmstenfalls kommt es bei chronischer Mangelernährung zum früheren Versterben der Betroffenen.

Mängelernährung bei älteren Menschen muss nicht sein
Sind die Ausprägung des Mangelzustandes und dessen Ursachen abgeklärt, so kann mit einer Ernährungstherapie begonnen werden. "Hierzu gehören", so Hirschmeier, "eine esstechnische Ernährungsumstellung, zum Beispiel in Form von "Fingerfood" für Senioren oder eine konsistenztechnische Anpassung der Speisen durch Andicken von Flüssigkeiten. Reicht dies nicht aus, so sollte eine Ergänzung mit bilanzierter Aufbau- und Zusatznahrung erfolgen". Hierdurch kann der Ernährungszustand und die Rehabilitationsfähigkeit von Senioren deutlich verbessert werden. Wenn das tägliche Energiedefizit durch eine gesteigerte orale Nahrungsaufnahme nicht dauerhaft behoben werden kann, bedarf es einer Substitution durch eine bilanzierte Sondennahrung, die auch in den eigenen vier Wänden angewandt werden kann. "Was den Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln betrifft", betont Hirschmeier, "so sind die meisten Ärzte sowie das Pflegepersonal jedoch überfordert. Eine qualifizierte Weiterbildung ist hier dringend erforderlich". Problematisch ist nach Aussage von Welz-Barth, auch der zunehmende ökonomische Druck, der auf den Kliniken lastet. "Meist erhalten bei Ausschreibungen Catering-Unternehmen den Zuschlag, die das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Die Anpassung des Speiseplans an die speziellen Bedürfnisse der Senioren spielt eine eher untergeordnete Rolle".


Statements der Referenten

Bessere Früherkennung erforderlich

Erkennen und Erfassen der Mangel- bzw. Fehlernährung - Möglichkeiten der Substitution

Fortbildungsaktivitäten des Max Bürger Instituts